Das alte Israel
Mit dem Neuen Bund, wie Gott ihn in Jeremia 31:31-34 versprach, wurde die Kirche Jesu Christi das neue Israel und somit die Erfüllung des alten Israel.
Das älteste erhaltene christliche Glaubensbekenntnis findet sich in 1. Korinther 8:6 und wurde etwa im Jahr 53 AD. Es öffnet mit der Erklärung, dass es einen Gott gibt und stimmt mit dem elementare Glaubensbekenntnis Israels überein (Deuteronomium 6:4).
Nach der Heiligen Schrift ist Gott absolut heilig. Das bedeutet, dass Er absolut anders ist als alles, was existiert. Er ist so einzigartig, dass Seine Existenz mit keiner anderen Existenz verglichen werden kann. Gottes Name ist Jahwe.
Er ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Jahwes Wille ist in der Tora, dem Gesetz, formuliert. Sein Wille geht über ethische Regeln und Ideologien hinaus. Es ist ein Glaube, ein Benehmen, ein Verhaltensleitfaden und ein Lebenstil, der jeden Israeliten von der Geburt bis ins Grab leitete. Es ist diese unverkennbare Weisheit Israels, die ihnen durch Gott offenbart wurde. Das alte Israel war, wie es Flavius Josephus hervorhob, war eine Theokratie.
Palästina im letzten Jahrhundert AC
Der makkabäische Führer Johannes Hyrkanus I. (135-104 AC) machte sich auf zu einer Serie von aggressiven Feldzügen gegen seine Nachbarn. Die Ziele dahinter waren einmal eine Wiedererrichtung der Grenzen des gelobten Landes, das bedeutet von Davids Königreich, und darüber hinaus die Sicherstellung, dass nur Gläubige an den einen Gott darin leben sollten (1). Zuerst wurden die Samariter besiegt (128 AC). Die Samariter beanspruchten für sich, der ursprüngliche Stamm Israels zu sein, was aber von den Juden Judäas aufgrund der Tatsache abgewiesen wurde, dass die Samariter während des Exils Mischehen mit Heiden eingegangen sind und dadurch ihre Rassenreinheit verloren. Danach wurden die Städte in der Phönizischen Ebene von den Syrern genommen, und das Reich der Edomiter erobert (107 AC). Schlussendlich wurde Samaria selbst aus Vergeltung zerstört (107 AC) (2). Kein Wunder, dass Juden und Samariter zu Jesu Zeiten nicht sonderlich gut aufeinander zu sprechen waren (Johannes 4:9).
Johannes Hyrkanus I. starb 104 AC, aber seine Eroberungsfeldzüge wurden durch seinen Sohn und Nachfolger Aristobolus I. fortgeführt. Nach dessen Tod regiert sein Sohn Alexander Jannäus (103-75 AC). Als dieser wiederum im Jahr 76 AC starb, hinterlies er den Juden ein Königreich, das fast so gross war wie das unter Salomo (3).
Laut Josephus, hatte die Unabhängigkeit Jannäus Reiches die Juden dazu befähigt, im Getrenntsein von anderen Völkern zu leben (4). Wenn jene aber nun in den jüdischen Bereich kamen, wurde ihnen untersagt ihre eigenen Traditionen fortzuführen. Galiläa mit seinen fruchtbaren Böden wurde zu einem Magneten für jüdische Siedler, welche die jüdische Minderheit in der Gegend allmählich in eine Mehrheit umwandelten. Die nicht-jüdischen Bewohner hassten die jüdische Herrschaft jedoch und haben dementsprechen später das Kommen der Römer begrüsst.
Während die Beziehungen zwischen den Juden und ihren nicht-jüdischen Nachbarn nun zunehmend feindseliger wurden, blieben jene mit den Römern freundschaftlich.
Nach dem Tod von Alexander Jannäus’ Nachfolgerin, seiner Witwe Salome Alexandra (67 AC), stritten ihre beiden Söhne Johannes Hyrkanos II. und Aristobulos II. um das Recht der Nachfolge. Zu diesem Zeitpunkt war der römische General Gnaeus Pompeius Magnus in Antiochia, un die beiden Anwärter überboten sich gegenseitig, um seine Unterstützung zu erhalten. Obwohl Pompeius anfangs mit Aristobulos sympathisierte, rückte er dann 63 AC nach Jerusalem vor und eroberte sie nach dreimonatiger Belagerung. Indem die Juden sich friedlich ergabe, konnten sie einige Überbleibsel an Unabhängigkeit bewahen. Ihr Staat wurde jedoch auf Judea und Edom im Süden, und Perea und Galiläa im Norden reduziert.
Herodes der Grosse regierte, als von Rom eingesetzter und gestützter König, dreiunddreissig Jahre lang (37-4 AC). Seine Herrschaft schärfte unter den Juden all die schlafende Feindschaft gegen nicht-jüdische Kräfte in ihrem Land und entflammte in manchen die Vorstellung, dass der Tag der Erlösung schon bald in einem grossen umwälzenden Krieg kommen würde. Die Freiheit würde durch einen Kriegs-Messias aus dem Hause David gewonnen werden.
Sekten
Die Herodianer repräsentierten eine relativ starke Gruppe unter den Juden, besonders in Jerusalem und den grösseren Zentren, die nicht abgeneigt waren äussere Aspekte der hellenistischen Kultur anzunehmen. Von ihnen ist im Neuen Testament zweimal die Rede (Markus 3:6 und Matthäus 22:16). Griechisch war nach Aramäisch die wichtigste Sprache in Palästina und griechische Namen (Philippus und Andreas sind Beispiele unter Christi Jüngern).
Die Sadduzäer gehörten zum wohlhabenderen Kreis der Gesellschaft, gehörten aber zur jüdisch-nationalistischen Gruppe an. Sie waren die priesterliche und aristokratische Partei in Judäa und stellten die Nachfolger der Hohepriester im Tempel. Ihre religiösen und gesellschaftlichen Ansichten waren strikt und konservativ. Die Gebote Jahwes waren allein in der überlieferten Schrift zu finden (5). Sie lehnten die legalistischen Entwicklungen der Schriftgelehrten und Pharisäer ab. Ebenso lehnten sie Ideen, wie etwa das weitere Leben der Seele, das grosse Gericht und die Auferstehung der Körper als unbiblisch ab (6). Das Römische Reich sollte ihrer Meinung nach als ein vorübergehendes Elend betrachtet werden. Rebellion konnte nicht toleriert werden und messianischer Enthusiasmus war eine gefährliche Fehlentwicklung.
Die Pharisäer waren deren Kontrahenten und repräsentierten die religiöse Führung der Masse des jüdischen Volks in Palästina (7). Zum Unterschied zu den Sadduzäaern, waren sie Laien und sahen sich selbst als gottesfürchtige Elite unter ihren Mitbürgern. Ein pharisäischer Gedanke wird auch im frühen Christentum wieder gefunden: die Opposition der Pharisäer gegen eine königliche Herrschaft ging soweit, dass der staatlichen Gewalt ein weitaus niedrigerer Stand als der geistlichen und priesterlichen zugesprochen wurde. So liest man also im Testament der Zwölf Patriarchen: “So wie der Himmel höher ist als die Erde, so ist das Priestertum Gottes höher als ein weltliches Reich, solange es nicht durch Sünde von Jahwe abfällt und durch ein weltliches Reich dominiert wird” (8). Zusätzlich haben die Pharisäer Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe gegenüber den Armen systematisiert.
Die Schriftgelehrten wurden in dieser Zeit die führenden Laien und genossen hohes Ansehen unter dem Volk. Gemeinsam mit den Pharisäern beaufsichtigten sie die Anbetung in den Synagogen und kontrollierten, ob die Handlungen am Sabbat konform mit dem Gesetz waren. Sie waren Moralisten, Anwälte und Lehrer in einem. Eine selbstbewusste und gebildete Mittelklasse, die damals ihresgleichen suchte.
Der Eindruck, welchen man vom damaligen Palästina bekommt ist der einer relativ wohlhabenden und fortschrittlichen Gesellschaft. Selbst am Boden der Skala gingen viele der ‘am ha’aretz oder der “Ungebildeten” in eine Synagogenschule und waren weitaus gebildeter als ihre Zeitgenossen in anderen Teilen der Mittelmeerregion. In Palästina gab es im letzten Jahrhundert vor Christi regen Getreidehandel mit Ägypten, Gewürzhandel mit Arabien und Materialhandel mit Babylon. Es gab örtliche Händler und Handwerker. Die priesterliche Aristokratie und die Händler profitierten von den Geldern, die für den Tempel ausgegeben wurden. Zudem waren das Land ausserhalb Jerusalems, sowie jenes zwischen der Küste und Galilei ekzellentes Farmland. Die Griechen stellten dafür den Markt. Abgesehen vom materiellen Wohlstand, hat auch die spezifische Art des Judentums das Wachstum eines gebildeten und florierenden Mittelstands begünstigt, welchem auch die Schriftgelehrten und Pharisäer angehörten.
Die Diaspora
Juden im Mittelmeerraum
Zur Zeit Christi hab es in den Gebieten des östlichen Mittelmeers kaum eine halbwegs bedeutende Stadt, die keine jüdische Gemeinde hatte. Und auch im Westen hat sich das Judentum nach Rom, Karthago. bis nach Volubilis im heutigen Marokko ausgebreitet. In nahezu jeder Stadt war eine Synagoge oder zumindest ein Versammlungsort für Gebete. Zusätzlich hatten die Juden ihre Schulen, Friedhöfe, Finanzinstitute, Gerichtshöfe und Wohlfahrtseinrichtungen. Ihre Gräber wurden mit enthade keitai (hier liegt) markiert und endeten mit der Formel en eirene (in Frieden), und wurden von den Gräbern der Ungläubigen separiert. Die Juden organisierten auf ähnliche Weise wie ihre heidnischen Nachbarn, geführt durch einen Leiter der Synagoge, der durch einen Rat (gerousia) aus Ältesten beraten wurde.
Alexandria
Alexandria war bei weitem die wichtigste Stadt der Diaspora. Der herausragende alexandrische Jude ist, natürlich, Philon von Alexandria (20 AC bis 50 AD). Philon war ein Mystiker, ein platonischer Philosoph, ein loyaler Jude, aber auch loyal dem Römischen Reich. Wie Paulus strebte er mystische Erfahrung an. Er beschrieb seine Seele als “brennend” und seine Sprache virbierte manchmal, wie die des Paulus, mit Emotionen. Seine Herangehensweise an die Heilige Schrift war keineswegs wie die der Rabbiner oder Pharisäer. Er war Grieche durch und durch, in Sprache, Bildung und Manieren. Seine Bibel war die Septuaginta. Während er das Gesetz als den unfehlbaren, offenbarten Willen Gottes akzeptierte, versuchte er es ausschliesslich aus der Sicht der griechischen Philosophie zu interpretieren. Schlussendlich war die Menschheit zur Vergöttlichung bestimmt – der Harmonie und Konformität mit dem Göttlichen.
Der weltliche Herrscher war der König, der gottesfürchtige Monarch, welcher in der Nachahmung seines Schöpfers, des Wortes, regierte. Philon sah dieses Ideal in Augustus erfüllt, der den kriegsgeplagten Völkern Frieden gab und das Reich gründete. Man kann Philon als den Begründer des christlichen politischen Gedankens betrachten.
Hinter Philons Interpretationsansatz lag der Verlangen, das Judentum der heidnischen Welt in einem gefälligen Licht zu präsentieren. Juden, egal wie hellenisiert sie waren, glaubten in die Überlegenheit des Gesetzes und ihrer “Theokratie” über griechische Philosophie und säkulare Institutionen.
Rom
Hier wurden die Juden als verbündete Nation betrachtet. Sie waren frei, ihren eigenen religiösen Bräuchen zu folgen. Sie zeigten ihre Loyalität zum Römischen Reich darin, dass sie eine Synagoge nach dem Kaiser, Augustesi, nannten. Augustus wiederum zeigte ihnen sein Wohlwollen darin, dass er Geschenke an den Tempel sandte. Als der Kaiser es unterliess, seine Opfergaben für Jahwe zu senden, markierte dies 66 AD den Beginn der offenen Revolution in Jerusalem.
Der Proselytismus wurde zu einem Grund der jüdischen Unbeliebtheit in Rom. Zur Zeit Christi war das Judentum die mit Abstand dynamischste religiöse Bewegung in der griechisch-römischen Welt. Die Loyalität zum Tempel und der Tora gab den Juden eine Stärke, welche sämtliche heidnischen Gruppierungen übertraf.
Während das Römische Reich jüdische Missionare mit leichten Kommunikationswegen und einem Gesetzesrahmen ausstattete, waren die Gemeinden in der Diaspora die Magnete, welche sie über die Grenzen Palästinas hinaus zog.
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Einzelnachweise
(1) Foerster, Palestinian Judaism in the New Testament Times, S. 29-40, 1964
Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae, XIII.228-300
(2) Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae, XIII.280
(3) Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae, XIII.395-397
(4) Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae, XIII.247
(5) Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae, XIII.297
(6) George Foot Moore, Judaism in the First Century of the Christian Area, Vol. I, S.66-68
(7) Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae, XIII.298
(8) Testament der Zwölf Patriarchen, XXI.4



