Widerstandskultus, 135 – 180 AD
Die Kirche bewegte sich kontinuierlich aus ihrem jüdischen Umfeld hinaus in die heidnische Welt und übernahm diese im Laufe der nächsten beiden Jahrhunderte. Wie war diese Welt und wie sahen sie die damaligen Christen? Wie kam es, dass die Präsenz der Christen während des 2. Jahrhunderts zunehmend stärker wahrgenommen wurde?
Das Römische Reich im 2. Jahrhundert
Während des 2. Jahrhunderts erreichte die griechisch-römische Welt den Höhepunkt ihres Selbstbewusstseins und Wohlstands. Alle Herrscher zwischen Nerva (96-98) und Mark Aurel (161-180) waren sicher Männer mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten als Soldaten und Verwalter. Ihre Ziele wurden auf die damals umlaufenden Münzen geprägt: Gerechtigkeit, Sicherheit und das Wohl aller.
Der hier abgebildete Mark Aurel war ein tiefreligiöser Mann. In der Stoa fand er die Mittel dazu, sein Pflichtgefühl gegenüber seinen Mitmenschen und der Armee mit seiner Überzeugung zu vereinen, dass das Universum eine Harmonie formte, welche durch einen höchsten Herrscher regiert wurde. Diesen Herrscher galt es zu kennen. Was diese Stoiker sehr stark vom christlichen Glauben unterschied, war die Tatsache, dass sie diesen Herrscher nicht als Person begriffen. Gott war nicht Jahwe. In einem zyklischen vorherbestimmten Zeitsystem konnte er nicht aktiv in die Leben der Individuen und Einrichtungen des Universums eingreifen. In dieser Hinsicht bestehen Ähnlichkeiten zum Deismus des 17. und 18. Jahrhunderts. Die im Universum innewohnende göttliche Vorsehung (pronoia) betraf eher das Gesamte als das spezifische Wohlergehen des Einzelnen.
Der Widerstand
Doch vielleicht war das Fundament des Römischen Reichs nicht so stabil wie man annahm. Kyniker, Juden und Christen waren darin vereint, die Schwachstellen des Reiches aufzudecken und zu kritisieren. Kyniker hatten schon lange das Amt des Kaisers angeprangert. Im Jahr 71 AD wurden kynische Philosophen sogar aus Rom vertrieben, weil sie antimonarchische, wenn nicht anarchistische Lehren verbreiteten. Jüdische Führer hatten ebenfalls ihre eigene feindliche Tradition gegenüber der römischen Staatsform. Etwa 190 AD beklagte Gamaliel III., dass die römische Herrschaft völlig egozentrisch war und nichts für das Wohl seiner Untertanen tat. Im vorigen Jahrhundert kritisierte Gamaliel II. bereits, dass “Zollgebühren, Bäder, Theater und Steuern” die Substanz der Provinzen Roms verschwendeten (1). Die Christen des zweiten Jahrhunderts reflektierten diese Einstellung gegenüber dem Reich. Sie waren ebenfalls Reisende in den römischen Städten, aber nicht von den Städten. Die Mitte jenes Jahrhunderts bietet mehrere Beispiele erstaunlicher Bekehrungen zum christlichen Glauben, z.B. die von Justin dem Märtyrer (100-165) und seinem Schüler Tatian (120-180).
Justin erzählt seine Geschichte in drei überlebenden Werken, Dialog mit dem Juden Trypho (155), und seine Erste Apologie (155) und Zweite Apologie (160). Er war der Sohn griechischer Siedler und wurde in Machusa bei Sichem in Palästina geboren. Er hatte einen tiefen Sinn für Religion und zog als junger Mann aus, um sich durch die philosophischen Systeme zu schlagen, um jenes zu entdecken, welches seinem Leben eine Richtung gab und ihn zu Gott brachte.
Er traf einen alten Mann an der Küste von Ephesus und verbrachte eine Weile mit ihm. Der alte Mann war aussergewöhnlich. Er war offensichtlich ein gottesfürchtiger Christ und kannte sich mit dem Platonismus aus, so dass er dessen Schwachstellen aufzeigen konnte. So versuchte er die Schlüsseldoktrin der Seelenlehre zu untergraben. Die Platoniker meinten, dass die Person die unsterbliche Seele sei, die den Körper nur bewohnt und steuert „wie ein Schiffer das Schiff“, also mit ihm nur äußerlich verbunden ist. Er fragte Justin, ob die Seele sich an den Anblick Gottes erinnern kann nachdem sie zum Körper zurückgekehrt ist. Justin antwortete mit “Nein”. Mit dem Grundsatz, dass Gott oder die Natur nichts ohne Grund tun würden, fragte der alte Mann darauf demonstrativ: “Worin liegt dann der Sinn?”. Falls Seelen sich nicht an ihre vorherige Existenz erinnern konnten, wie konnten sie dann wissen, weshalb sie jene Körper bewohnten? Es war alles sinnlos. Es gab für die Seele keine Möglichkeit Gemeinschaft mit Gott zu haben. Die Hilfe des Heiligen Geistes war dazu notwendig. Justin war erschüttert und bereit dazu dem alten Mann zuzuhören, nach welchem die Erkenntnis Gottes aus den Schriften der hebräischen Propheten erlangt werden konnte. Diese waren von Gott inspiriert.
Doch Justin wurde jedoch nicht sofort Christ. Tatsächlich gewann der alte Mann lediglich die Diskussion über die Seelenwanderung. Justins Bekehrung kam später, als er, wie er es in der Zweiten Apologie festhielt, die gelassene Furchtlosigkeit miterlebte, mit welcher Christen den Märtyrertod starben (2).
Trotz seiner kategorischen Ablehnung gegenüber den himmlischen Kräften des damaligen Heidentums, zeigte Justin doch eine spezielle Beziehung zum Römischen Reich. Er fühlte sich loyal gegenüber dem Reich und trachtete danach das Christentum mit seinen Institutionen zu harmonisieren. Doch seine Loyalität war bedingt. Christen durften auf keinen Fall in der Art und Weise wie sie Gott anbeten gehindert werden – und dies sollte sogar bis zum Ungehorsam führen, falls das Gesetz ungerecht erschien.
Christlicher Vorstoss
Der eigentliche missionarische Fortschritt der Kirche zwischen 135 AD und dem Ende des Jahrhunderts liegt im Verborgenen. Bis ins Jahr 150 AD schien er langsam gewesen zu sein. Auffällig ist, dass Justins Schule in Rom keine Bekehrten beinhaltete. Alle sechs Männer waren Einwanderer aus Asien und drei von ihnen hatten christliche Eltern (3). Der Häretiker Marcion (etwa 100 – 160) versuchte die Mission Pauli weiterzuführen und etablierte Gemeinden in Rom, Nikomedia in Bithynien, Antiochia und nahe der persischen Grenze. Dort gabe es wohlhabende Christen. Zudem gab es immer mal wieder ein paar heidnische Bekehrte, die im Christentum die wahre Religion. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass das Christentum vor der Herrschaft Mark Aurels (161 – 180) eine gewaltige Bewegung war.
Celsus malte jedoch ein ganz anderes Bild. Obwohl das exklusive Selbstverständnis immernoch vorherrschend war (“Wenn alle Menschen Christen werden wollten, so würden diese es wohl nicht mehr wünschen”) (4), sind die Christen doch zu einer Menge angewachsen (5), und waren aktiv in der Mision engagiert.
Zwischen den Jahren 170 bis 180 AD strömten ganz neue Teile der weniger privilegierten Bevölkerung der griechisch-römischen Welt zum christlichen Glauben. Die persönlichen Zeugnisse der Bekehrten gab Grund dazu es ihnen nachzutun. Die Christen behaupteten sogar “Brüder” zu sein und gaben sogar überraschende Beweise für die Realität dieser Behauptung. So schrieb Dionysius, der Bischof von Korinth, dem Soterus, Bischof von Rom, um dessen Kirche zu loben und ihr für die Zuwendungen für die weniger wohlhabenden Kirchen zu danken.
Von Anfang hattet ihr den Brauch, allen Brüdern auf mannigfache Weise zu helfen und vielen Gemeinden in allen Städten Unterstützungen zu schicken. Durch die Gaben, die ihr von jeher geschickt habt, da ihr als Römer einen überlieferten römischen Brauch festhaltet, erleichtert ihr die Armut der Dürftigen und unterstützt ihr die in den Bergwerken lebenden Brüder. Euer heiliger Bischof Soter hat diesen Brauch nicht nur festgehalten, er hat ihn auch noch erweitert, soferne er sowohl reichliche Gaben an die Heiligen spendet als auch die (nach Rom) kommenden Brüder wie ein liebender Vater seine Kinder mit frommen Worten tröstet. (6)
Niemand konnte sich in christlichen Gemeinden als Verstossener fühlen.
Konflikt und Martyrium
Mut und Vetrauen dem Martyrium zu begegnen wurde von den Christen immer mehr gefragt. Während das 2. Jahrhundert verging nahm die Feindschaft zwischen der Bevölkerung und den staatlichen Autoritäten weiter zu. Irenäus von Lyon zeigt, dass die damaligen Christen “Römer und andere Heidenvölker” als was anderes ansahen (7).
Die Verfolgungen selbst waren Pogrome, welche mit einer Reihe von sozialen und religiösen Sanktionen gegen die Christen begannen, bevor sie zusammengetrieben und vor das Tribunal der römischen Machthaber geführt wurden (8). Die Verfolgungen wurden als Auftakt des kommenden Antichristen und dem Ende der Zeitalter erwartet und erduldet (9). Erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts begannen sich die Wolken für das Christentum zu lichten. Vorerst.
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Einzelnachweise
(1) Günter Stemberger, “Rom in der rabbinischen Literatur”, ANRW II.19.2, S. 386
(2) Justin der Märtyrer, Zweite Apologie XII.2
(3) Acts of Justin and Companions IV, Musurillo, Acts of Christian Martyrs
(4) Origenes, Gegen Celsus III.9
(5) Origenes, Gegen Celsus III.12
(6) Eusebius, Kirchengeschichte IV.23
(7) Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien IV.30.3
(8) Eusebius, Kirchengeschichte V.1 und 2
(9) Eusebius, Kirchengeschichte I.10



