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Sünde und Vergebung

16. Mai 2010

Wir Christen halten den Verstoss gegen die Zehn Gebote für Sünde. Wenn jemand diese Gebote beachtet, dann glaubt er, alle Forderungen erfüllt zu haben, um sich selbst als guten Christen zu betrachten und von den anderen als ein solcher betrachtet zu werden. Ganz besonders, wenn der Christ sich treu an das sechste Gebot hält (1) und sich vor den sogenannten Fleischessünden hütet, glaubt er, den Gipfel der geistlichen Vollkommenheit erreicht zu haben. Wenn diesem Menschen aber die christliche Liebe fehlt, die das Wesen der christlichen Botschaft ausmacht, wenn er Sanftmut und Demut und andere Tugenden nicht kennt, dann glaubt er, dass sie nebensächlich oder gleichgültig seien. Die Gebote des Alten Testaments werden zusammen mit dem angeborenen moralischen Gesetz, das in den Herzen der Menschen lebt, als das A und O des christlichen Lebens angesehen. Dies darf aber nicht oberflächlich betrachtet werden. Deshalb ist eine gründliche Untersuchung der biblischen und patristischen Lehre notwendig, um das Wesen der Sünde zu begreifen.

Das Wesen der Sünde besteht nach der Auffassung des Alten Testaments in dem Entschluss des Menschen, Gott nicht zu beachten und sich selbst an dessen Stelle zu setzen. Das 1. Mose bringt die biblische Beschreibung der Sünde in der Erzählung vom Fall der ersten Menschen (2). Im Neuen Testament und in der patristischen Tradition ist das Wesen der Sünde nichts anderes, nimmt aber eine präzisere Form an. Sünde ist hier die Weigerung des Menschen, das Evangelium Christi anzunehmen und als Glied seiner Kirche zu leben. Die Sünde beschränkt sich nicht auf einzelne Handlungen, Gedanken, Tätogkeiten oder Neigungen des Menschen, sondern sie ist eine Haltung.

Um das Wesen der Sünde besser zu verstehen, muss man auf das sehen, was von ihr befreit, nämlich die Erlösung, die Christus dem Menschen anbietet. Der Mensch, der in Sünde lebt, ist Knecht des Verderbens und des Todes. Seine Handlungen, seine Gedanken und seine Tätigkeiten sind von seiner Selbstsucht bestimmt. Er ist nicht fähig, sein Herz zu öffnen und die anderen in sich aufzunehmen, sie zu lieben und sie als Abbild Gottes zu sehen, der Schöpfer und Quelle des Lebens aller Menschen ist. Das Verderben und der Tod sind die Folgen der Sünde, denen der Mensch ausgeliefert ist, wenn er seine Verbindungen mit der Quelle des Lebens – mit Gott – verliert.

Basilius der Grosse sagte, dass der Mensch in dem Masse, wie er das Leben aufgibt, sich dem Tod nähert. “Denn das Leben ist Gott, der Verlust des Lebens Tod” (3). Der Tod ist “der Lohn der Sünde” (4). Tod bedeutet vor allem Trennung von Gott. Der Tod des Leibes als Folge davon ist wesentlich Wohltat von Gottes für den Menschen, “damit nicht in uns die Krankheit unsterblich werde” (5). Wenn der Mensch sich von Gott entfernt, steht er unter der Herrschaft des Todes. Und wenn er sich wieder mit Gott in Christus vereinigt, wird er mit ihm zum Sieger über den Tod.

Das Heil des Menschen besteht darin, dass er im Leib Christi angenommen wird, um als Sieger über Verderben und Tod im Licht der Auferstehung zu leben. Christus ist als vollkommener Gott und vollkommener Mensch der einzige, der den Menschen mit Gott vereinigen und ihm das Leben, von dem er getrennt war, schenken kann. Darum ist auch der Glaube an Christus die notwendige Voraussetzung für die Erlösung des Menschen.

Das Evangelium unterscheidet die Menschen nicht nach ihren Tugenden und Lastern, sondern nach ihrem Entschluss zur Umkehr oder zum Weiterleben in der Sünde. Und Christus hat die Menschen nicht gerufen, damit sie tugendhafter oder weniger sündhaft würden, sondern damit sie umkehren und die Gnade, die er anbietet, annehmen. Solange die Menschen nicht umkehren, sind sie weit entfernt von der wahren Quelle ihres Lebens und sind Knechte des Verderbens und des Todes. “Denn es gibt keinen Unterschied: Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren” (6). Nur das Bewusstsein dieser Wirklichkeit gibt dem Menschen das Mass für seine Moral und für sein Verhältnis zu Gott. Darum ist es gar nicht verwunderlich, dass diejenigen, die das Evangelium Christi annahmen, nicht die Schriftgelehrten und Pharisäer waren, die stolz auf ihre Tugenden waren, sondern die Zöllner und die Huren, die ihre Sündhaftigkeit sahen und umkehrten.

Gerade diese Wahrheit drücken auch die Worte Christi aus, die er an die Priester und Lehrer der Juden richtete: “Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr” (7). Diese Bevorzugung der Zöllner und Huren, die unbestritten die lasterhaften und ungerechten Menschen der Gesellschaft waren, bedeutet auch nicht die Missbilligung der Gerechtigkeit und der Tugend. Vielmehr wird damit die allumfassende Vergebung bestätigt, die Gott dem Menschen anbietet, der wahrhaft umkehrt, seine Unwürdigkeit erkennt und Gott um Erbarmen bittet.

Als Christus den Zöllner Zachäus in seinem Haus besuchte, tat er das nicht, um dessen ungerechtes Handeln gutzuheissen, sondern um dessen Reue zu würdigen. Und als er sich weigerte, die Frau zu verurteilen, die gerade Ehebruch begangen hatte (8), tat er das nicht, um den Ehebruch zu rechtfertigen, sondern um die Allgemeinheit der Sünde und die Notwendigkeit der Busse für alle Menschen sichtbar zu machen. Daher sagte er auch als die Schriftgelehrten und Pharisäer auf der Verurteilung der Ehebrecherin durch Christus bestanden: “Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie” (9). Und als sich alle langsam von ihm und der Frau entfernten, “einer nach dem anderen (…), zuerst die Ältesten“, sagte Christus zur Frau: “Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!” (10).

Das Geheimnis der Tugend des Menschen besteht nach der christlichen Lehre in dem Entschluss zur Reue. Und diese Entscheidung trifft derjenige, der unter der Last der Sünde leidet. Derjenige aber, der sich seiner Tugenden rühmt, bereut nicht und bleibt dadurch der Gnade Gottes fern. Darum werden die Sünder vor den Gerechten in das Reich Gottes kommen.

Trotzdem scheint diese Auffassung den meisten Menschen merkwürdig. Merkwürdig, wenn nicht unannehmbar scheint sie auch den meisten Christen, die nicht darauf achten, dass sie von Christus selbst bestätigt worden ist. Annehmbar scheint sie, wenn das Christentum einseitig als ethische Lehre angesehen wird und Christus als Lehrer einer Moral, der gekommen ist, um die Gerechtigkeit und Tugend festzulegen, wie die Menschen sie sich vorstellen. Wenn man aber das Evangelium liest, sieht man, dass in ihm alle menschlichen Werke prinzipiell beiseite geschoben oder sogar umgekehrt werden. Die Menschen werden nicht nach ihrer Moralität beurteilt. Weder ihre gesellschaftliche Position noch ihre soziale Würde sind das Mass für ihren Wert. Das einzig feste Kriterium, der einzige Massstab für ihre Bewertung ist die Reue. Wenn der Mensch bereut, wird er gerettet. Er wird in das Reich Gottes aufgenommen. Wenn er nicht bereut, ganz gleich, was er alles getan hat, ist es für ihn im Grunde bedeutungslos; er wird nicht gerettet. Das ist der christliche Massstab. Es ist der Massstab, nach dem Gott den Menschen misst.

(Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch “Glauben aus dem Herzen. Eine Einführung in die Orthodoxie” von Georg Galitis, Georg Mantzaridis und Paul Wiertz.)

Einzelnachweise

(1) 2. Mose 20,14; vgl. 5. Mose 5,18

(2) vgl. 1. Mose 3

(3) Basilius der Grosse, “Homilie darüber, dass Gott nicht der Verursacher des Bösen ist”

(4) Römer 6,23

(5) Theophilus von Antiochien an Autolykus 2,26

(6) Römer 3,22-23

(7) Matthäus 21,31

(8) vgl. Johannes 8,4 f.

(9) Johannes 8,7

(10) Johannes 8,11

2 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. Kurt Vetterli Permalink
    18. Mai 2010 09:57

    Man kann den Autoren hier nur beipflichten: jedes Vertrauen auf eigenes Wirken oder die eigene Frömmigkeit ist falsch; es ist Christus allein, der rettet. Und die Busse (Reue und Umkehr zu Christus) ist sozusagen die Eingangstür zu Christus. Vielleicht müsste man zusätzlich noch betonen, dass es auch nicht die Reue ist, die rettet, sowie auch nicht die menschliche Entscheidung, zu Christus zu kommen – sondern eben allein Christus.

    Etwas fragwürdig ist die Aussage: “Um das Wesen der Sünde zu verstehen, müssen wir die biblische und patristische Lehre gründlich untersuchen…”
    Wenn die Autoren damit meinen, dass es nicht genügt, Gottes Wort allein die Lehre über die Sünde zu entnehmen, sondern dass wir dazu zusätzlich die Ausführungen der Väter brauchen, dann widersprechen sie damit nicht nur der Schrift, sondern auch den Kirchenvätern selbst, die immer die Schrift als höchste und einzige Autorität für alle (auch ihre eigene) Lehre bekannten. Sogar Basilius, den sie oben zitieren, schreibt in einem seiner Briefe bezüglich einer Auseinandersetzung mit solchen, die er als Irrlehrer ansieht: “Lasst die von Gott inspirierte Schrift entscheiden zwischen uns; und auf welcher Seite auch immer Lehre in Harmonie mit dem Wort Gottes gefunden werden, auf diese Seite fällt das Urteil der Wahrheit.”
    Die Väter können uns wohl die Schrift auslegen und eine grosse Hilfe für ihr Verständnis sein. Aber auch ihre Auslegung muss im Einklang mit dem von Gott geoffenbarten Wort sein, sonst muss sie verworfen werden. Wir messen alles und jeden an der Schrift allein. So können wir auch zuverlässig entscheiden, auf welchen der Väter, bzw. auf welche seiner Aussagen man hören soll. Wenn wir dieses Kriterium nicht hätten, wer würde uns dann sagen, wer von den Vätern recht hat, dort wo sie miteinander im Streit liegen?
    Vielleicht die Kirche? Ja, die Kirche. Aber: welcher Teil der Kirche? Die Kirche besteht aus Sündern, die auch irren. Die Kirche ist da befähigt, zwischen rechter und falscher Lehre zu unterscheiden, wo sie sich an das unfehlbare inspirierte Wort Gottes richtet. Das ist die Grundlage, auf der sie steht. Die Grundlage der Apostel und Propheten, auf der sie gebaut ist (Eph 2:20). Die Lehre der Apostel und Propheten gibt der Kirche die Lehre, die sie nötig hat (2Tim 3:15ff) und sie beurteilt die Kirche und jeden einzelnen Kommentator der Schrift. Die Väter sind nicht mehr als Kommentatoren der Schrift. Oft sehr gute und hilfreiche. Aber niemand dürfte ihre Autorität auf das Niveau der Schriften der Apostel und Propheten erheben.
    Von daher finde ich es ein wenig problematisch, wenn die obigen Autoren die Bibel und die Kirchenväter in einem Atemzug als Quelle für unsere Erkenntnis des Wesens der Sünde nennen.

  2. 13. Juni 2010 10:28

    Dem oben genannten Text kann ich aus meiner eigenen Erfahrung nur zustimmen, wie auch dem Kommentar von Hr. Vetterli. Ich möchte in diesem Zusammenhang noch an Markus 12; 29-32 erinnern: Jesus sagt: “Höre , Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn , deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.”
    Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden!!!! Hat Jesus gesagt.
    Leider erlebt man in den kirchlichen Institutionen meist etwas anderes. Immer wieder versucht der Mensch Gesetze, Regeln, Dogmen uvm. aufzustellen. Wenn ich Jesus aus der Bibel richtig verstehe wollte er grade dies ja abschafften. Denn wer in der Liebe ist, ist im Herrn und somit sind keine anderen gebote notwendig. Sie sind nur notwendig als Handlunsmaßstab für Menschen die nicht Christus nachfolgen wollen.
    In diesem Zusammenhang möchte ich noch die Barmherzigkeit erwähnen. Barmherzigkeit nicht nur vom Herrn, sonder von Mensch zu Mensch und vorallem auch zu sich selbst.
    Gerade diese Barmherzigkeit und Sanftmut, die uns Jesus vorgelebt hat kann ich weder in den Kirchen und ihren Gesetzen, noch in den Predigten und Auslegungnen der Schrift evangelikaler Gruppierungen oder sonstigen Gemeinden erkennen.
    Ich glaube dass sich die meisten Menschen im christlichen Glauben nicht verstanden fühlen, weil sie eben sehen, dass die hohen ethischen und moralischen Anforderungen die diese Gesetze dem Menschen abverlagen weder von den Kirchen noch vom einzelnen Menschen erfüllt werden können.
    Erfüllt werden können sie eben nur wenn ich in der Liebe bin, wenn ich in Gott bin. Aus eigener Kraft ist der Mensch dazu nicht in der Lage.

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