Clemens von Alexandria: Paedagogus
Der heilige Clemens von Alexandria wurde zwischen 140 und 150 AD in Athen geboren. Sein lateinischer Name lautet Titus Flavius Clemens. Clemens von Alexandria war ein christlicher Schriftsteller und Philosoph. Er gilt als der “erste christliche Gelehrte”. Er war ein wandernder Berufsphilosoph und ließ sich zwischen 180 und 190 in Alexandrien nieder. Die Christenverfolgung unter Kaiser Septimus Servus (193–211) zwang ihn im Jahre 202, Alexandrien zu verlassen, worauf er nach Kappadokien, dem heutigen türkischen Zentralanatolien, floh. Dort lebte er den Rest seines irdischen Lebens und starb 215.
Clemens sah in der griechischen Philosophie einen übernatürlichen Charakter. Er verstand Glaube und Wissen in einem harmonischen Verhältnis und kritisierte daher die Gnostiker. Die Grundlage der Philosophie ist für ihn der Glaube. Die Philosophie kann wichtige Dienste leisten, sie macht die christliche Wahrheit allerdings nicht wahrer.
Seine Hauptwerke sind Protreptikos, Paedagogus und Stromateis. Die Schrift Protreptikos ist ein an die Griechen gerichtetes Werk, das die Torheit und Unsittlichkeit der heidnischen Religion dem Reichtum und der Klarheit der Offenbarung des Logos im Christentum gegenüberstellt. Die Schrift Paedagogus ist ein Werk, das die sittlichen Vorschriften enthält, nach denen derjenige der nach Wahrheit strebt sein Leben einzurichten habe, um zur Wahrheitserkenntnis befähigt zu werden. Die Schrift Stromateis umfasst sieben Bücher. Ein achtes Buch enthält eine Reihe von Skizzen und Vorarbeiten. Clemens behandelt hier das Verhältnis, in dem die wahre Erkenntnis des Christentums zu anderen Formen der Erkenntnis und Angeboten der Wahrheitsmitteilung steht. Zunächst beschreibt er das Verhältnis der wahren christlichen Gnosis zur falschen Gnosis der Häretiker. In der Schrift “Welcher Reiche wird gerettet?” stellt Clemens klar, dass auch Reiche gerettet werden können. Vom Himmelreich ist nicht der Reiche sondern der Sünder ausgeschlossen.
In der Paedagogus befasst sich Clemens nun zuerst mit dem Glauben und schreibt, dass der Christ durch die Taufe von allen Sünden gereinigt wird, und sogleich nicht mehr böse ist. Das sei eine einzige Gnadengabe der Erleuchtung, dass unser Wesen nicht mehr das nämliche ist wie vor der Taufe. Zum Glauben führe der Unterricht; der Glaube aber werde gleich bei der Taufe durch den Heiligen Geist bewirkt. Der Mensch aber hat die freie Wahl sich dazu zu entscheiden, dem Logos (dem Wort Gottes) nachzufolgen. Dies werden diejenigen tun, die zum Glauben gekommen sind, indem sie sich nach ihrem eigenen Entschluss retten und sich durch die Gottesfurcht in verständiger Weise schrecken lassen. Hier erheben sich einige Gegner mit der Behauptung, dass der Herr nicht gut sei wegen des Stabes und der Drohung und der Furcht. Diese haben offenbar nicht auf die Heilige Schrift geachtet, die da sagt: “Wer Ermahnung hasst, folgt der Spur des Sünders; wer den Herrn fürchtet, nimmt sie sich zu Herzen.” (Sirach 21,6). Und zudem haben sie, und das ist die Hauptsache, seine Menschenliebe vergessen, dass er unseretwegen Mensch wurde.
Nach Clemens ist es eben diese Ermahnung, die nun gleichsam die Anleitung zu einer richtigen Ernährung für eine kranke Seele ist, indem die rät, was man nehmen soll, und verbietet, wessen man sich enthalten muss. Alles aber hat die Genesung und die immerwährende Gesundheit als Ziel. Genau dieser Gedanke der Heilung einer Krankheit ist es, den die Orthodoxie als Leitthema der Theologie aufgreift.
Ermahnung (νουθετησις) ist ein fürsorglicher Tadel, der zum Nachdenken nötigt. Von solcher Art, so Clemens, ist der Erzieher, wenn er ermahnt. Und es offenbart seine Göttlichkeit, insofern er vorausweiss, was geschehen wird, als auch seine Menschenliebe, insofern er dem freien Willen der Seele die Möglichkeit zur Sinnesänderung schenkt.
Wir wollen den Willen des Vaters erfüllen, wollen auf den Logos hören und wollen das wahrhaft heilbringende Leben unseres Heilands in unserem eigenen Leben treu nachbilden; indem wir uns schon hier innerlich für den Wandel im Himmel vorbereiten, bei dem wir vergöttlicht werden, (…).
Wenn der Herr spricht: “Sorgt euch also nicht um morgen” (Matthäus 6,34), dann will er sagen, dass jeder, der sich in die Gemeinde Christi eintragen lässt, ein genügsames und von fremder Hilfe unabhängiges und dazu nicht über den einzelnen Tag hinaus sorgendes Leben auf sich nehmen muss. Über eben diese Gläubigen schreibt Clemens:
Der Logos ist ihre Nahrung, der Logos, dem das Amt zugefallen ist, uns zurechtzuweisen und zu züchtigen, von dem wir Einfachheit und Anspruchslosigkeit und überhaupt Freiheitsliebe und Menschenliebe und Liebe zum Edlen erlernen, wodurch wir mit einem Wort in engster Gemeinschaft mit der Tugend Gott ähnlich werden.
Wie man sich beim Essen benehmen soll
Im zweiten Buch der Paedagogus schreibt Clemens, dass unsere Nahrung einfach und anspruchslos sei. Weiterhin heisst es dort:
Wir müssen also die Vielgestaltigkeit der Speisen verabscheuen, die mannigfache Schäden verursacht, wie Kränklichkeit des Körpers und verdorbenen Magen, da der Geschmack durch eine verderbliche Kunst, nämlich die Kochkunst, und die unnütze Geschicklichkeit der Zuckerbäckerei verführt wird.
Gibt es dann nicht auch in einer gewissen Einfachheit eine gesunde Auswahl an Speisen? Zwiebeln, Oliven, manche Gemüse, Milch, Käse und Früchte und allerlei gekochte Speisen ohne leckere Brühen. Und wenn gebratenes oder gekochtes Fleisch nötig ist, so mag man auch solches geben.
Und auch wenn ein wenig Wein des Magens wegen (1. Timotheus 5,23) empfohlen wird, so ist doch das natürliche und nüchterne, für Durstige unentbehrliche Getränk das Wasser. Dieses liess der Herr für die Dürstenden schon aus dem Felsen fliessen.
Bezüglich des Betens schreibt Clemens, wie es angemessen sei bevor wir zu essen beginnen, den Schöpfer aller Dinge zu preisen, so gezieme es sich auch, dass wir beim Trinken Psalmen singen, da wir die Gaben seiner Schöpfung geniessen. Und zuletzt, bevor wir einschliefen, sei es billig, dass wir Gott dafür danken, dass wir seine Gnade und Güte geniessen durften, so dass wir auch in Gemeinschaft mit Gott zum Schlafen gehen.
Dass man sich nicht um kostbaren Hausrat bemühen soll
Hier stellt Clemens die Regel auf, dass das, was wir ohne Schwierigkeit erwerben und beim Gebrauch gern loben und leicht aufbewahren und gern auch mit anderen teilen, das ist, was gut für uns ist.Besser ist gewiss das Nützliche, besser ist doch ohne Zweifel das Billigere als das Kostbare. Überhaupt ist der Reichtum, wenn er nicht richtig verwaltet wird, eine Hochburg der Schlechtigkeit, da die meisten mit krankhafter Sehnsucht nach ihm ausschauen, werden sie wohl kaum in das Königreich der Himmel hineinkommen, denn sie sind krank vor Verlangen nach den weltlichen Gütern und leben voll Hoffart wegen ihres Überflusses. Zu beachten ist hier sicher, dass Clemens den Reichtum nicht per se verurteilt, ihn aber an eine Bedingung bindet: ihn richtig zu verwalten. Es müssen die, welche nach dem Heil streben, begreifen, dass zwar die ganze Schöpfung für uns zum Gebrauch da ist, dass aber der Besitz nur dem genügenden Auskommen dienen soll und man sich dies auch mit wenigem verschaffen kann. Denn töricht sind die, welche sich wegen ihrer materialistische Unersättlichkeit an dem blossen Besitz von Kostbarkeiten freuen. Ihn richtig zu verwalten bedeutet somit, ihn zum Wohle seiner Mitmenschen einzusetzen, als wohltätige Spende oder Investition.
Der beste Reichtum ist aber die Armut an Begierden und der wahre Stolz, der nicht darin besteht, daß man auf den Reichtum stolz ist, sondern darin, daß man ihn verachtet; dagegen ist es ganz schimpflich, mit seinem Hausrat zu prahlen; denn es ist durchaus nicht richtig, noch großen Wert auf das zu legen, was jeder beliebige auch auf dem Markt kaufen kann; die Weisheit aber ist nicht mit einer irdischen Münze und nicht auf dem Markte zu kaufen, sondern sie wird im Himmel verkauft und wird verkauft gegen eine gerechte Münze, den unvergänglichen Logos, das königliche Gold.
Über das Lachen
Leute, die darin geschickt sind, lächerliche oder vielmehr zu verlachende Stimmungen nachzuahmen, müssen wir aus unserem Staat ausweisen. Denn da alle Reden ihren Ausgangspunkt im Denken und in der Sinnesart haben, so ist es nicht möglich, irgendwelche lächerlichen Reden von sich zu geben, die nicht von einer lächerlichen Sinnesart ausgingen. Denn das Wort „es gibt keinen guten Baum, der schlechte Früchte bringt, und keinen schlechten Baum, der gute Früchte bringt“ (Matthäus 7,18; Lukas 6,43), paßt wohl auch hier; Frucht der Gesinnung ist die Rede.
Wenn wir demnach die Possenreißer aus unserem Staat verbannen müssen,4 so ist es noch viel weniger möglich, daß wir uns selbst gestatten, lächerliche Possen zu treiben. Denn es ist widersinnig, sich als Nachahmer dessen erfinden zu lassen, dessen Zuhörer zu werden uns verwehrt ist. Aber noch viel unsinniger ist es, sich selbst mit Ernst zu bemühen, lächerlich zu werden, das heißt verhöhnt und verspottet.
Die Heilige Schrift sagt: “Der Tor lacht mit lauter Stimme, der Kluge aber lächelt kaum leise.” (Sirach 21,20). Mit dem klugen (πανουργος) Mann meint sie hier einen verständigen, dessen Art der des Toren entgegengesetzt ist. Jedoch soll man nicht finster, sondern nur ernst sein.
Fern bleibe uns auch das Spotten! Das macht den Anfang zu Kränkungen, woraus dann Streit und Kampf und Feindschaft entspringt! Daher bewundert Clemens den Apostel der auch hier uns ermahnt, keine leichtfertigen Witze zu machen und keine ungehörigen Worte zu sprechen (Epheser 5,4).
Wovor sich die hüten müssen, die anständig zusammenleben wollen
Hier schreibt Clemens von Alexandria:
Denn wirklich trefflich erscheint die Mahnung der Weisheit: „Mit einer verheirateten Frau setze dich überhaupt nicht zusammen und lagere dich nicht mit ihr auf den Ellenbogen!“ Das heißt, daß du nicht häufig mit ihr zusammen speisen und mit ihr essen sollst. Deswegen fügt die Weisheit noch hinzu: „Und veranstalte keine Zusammenkünfte mit ihr beim Wein, damit sich nicht etwa dein Herz zu ihr hinneige und du mit Blutschuld ins Verderben hinabgleitest!“ (Sirach 9,9) Denn die Freiheit beim Weine ist gefährlich, da sie von Sinnen kommen kann; von einer Verheirateten aber sprach die Weisheit, weil die Gefahr für den größer ist, der das Band des ehelichen Zusammenlebens lösen will. Wenn sich aber auch eine Notwendigkeit ergeben und das Erscheinen (beim Gastmahl) erfordern sollte, so sollen sich diese (die Verheirateten) ganz verhüllen, äußerlich mit einem Schleier, innerlich aber mit Schamgefühl; für alle aber, die nicht verheiratet sind, ist es die schlimmste Gefährdung des guten Rufes, wenn sie an einem Gelage von Männern teilnehmen, zumal wenn diese von Wein berauscht sind.
Die Jünglinge aber sollen ihre Augen auf das Lager heften und ohne sich hin und her zu bewegen auf die Ellenbogen gestützt nur mit ihren Ohren anwesend sein; und wenn sie sich etwa setzen sollten, so sollen sie die Füße nicht kreuzweise übereinander schlagen und auch nicht den einen Schenkel auf den anderen legen oder das Kinn auf die Hand stützen; denn es ist unwürdig, wenn man sich nicht selbst tragen kann; und für einen jungen Mann ist dies eine Schande.
Für einen sittsamen Mann geziemt es sich auch, beim Gastmahl früher als die meisten aufzustehen und bescheiden von dem Essen fortzugehen.
Gegen die putzsüchtigen Männer
Was würde Clemens oder der Christ der Antike wohl zum metrosexuellen Mann und zur westlichen Gender-Mainstreaming Ideologie sagen? Nun, von Clemens zumindest wissen wir es, denn er schrieb:
Ohne Mühe (lässt sich) aus ihrer Erscheinung darauf schließen, daß sie Ehebrecher und Weichlinge sind, der Liebe in beiden Formen ergeben, die Haare hassend und haarlos, die Zierde des Mannes verabscheuend und gleich den Weibern auf kunstvolle Haartracht bedacht.
Ihretwegen sind ja die Städte voll von Leuten, die diese weibischen Menschen mit Pech bestreichen, sie rasieren und ihnen die Haare ausrupfen. Überall sind (Barbier-) Läden eingerichtet und stehen offen; und die Leute, die dieses unanständige und unsittliche Handwerk ausüben, verdienen sich damit offenkundig viel Geld.
Ihnen halten sie in jeder Weise still, wenn sie sie mit Pech einschmieren und ihnen die Haare ausziehen; und dabei schämen sie sich nicht vor denen, die zusehen oder vorübergehen, aber auch nicht vor sich selbst, im Bewußtsein, daß sie Männer sind. Denn die Leute, die auf die gemeinsten Lüste ausgehen, sind von der Art, daß sie den ganzen Körper durch das gewaltsame Ziehen mit dem (aufgestrichenen) Pech völlig enthaart haben.
Denn wie sollte es nicht etwas Gemeines sein, wenn sich Männer scheren und die Haut glatt machen lassen? Die Haare aber irgendwie zu färben und graue Haare mit Salben zu behandeln und ihnen eine blonde Farbe zu geben, das ist das Tun von weibischen und von Grund aus verdorbenen Menschen, und man muß es unterlassen ebenso wie das weibische Kämmen der Haare.
Wenn sich aber ein Mann die Haare kämmen und sie zu seiner Verschönerung mit einem Schermesser schneiden und sie vor dem Spiegel zierlich ordnen und sich die Backen rasieren und vom Haarwuchs befreien und schön glatt machen läßt, wie sollte das nicht etwas Weibisches sein?
Wohlgemerkt, ich rasiere mich auch. Nachdem ich diesen Satz gelesen habe, werde ich mir meine täglich Rasur aber nochmals gründlich durch den Kopf gehen lassen.
Dieses Kennzeichen des Mannes, der Bart, durch den sich einer als Mann erweist, ist älter als Eva und ist ein Sinnbild der stärkeren Natur.
Nun gibt kurzgeschnittenes Kopfhaar dem Mann nicht nur ein ernstes Aussehen, sondern macht den Kopf auch gegen Krankheiten abgehärtet, da es daran gewöhnt, sowohl Kälte als Hitze zu ertragen, und die von beiden kommenden Schädigungen fernhält, während das lange Haar sie wie ein Schwamm in sich aufnimmt und infolge der Nässe und Kälte dem Gehirn dauernden Schaden zufügt. Für die Frauen aber genügt es, wenn sie die Haare glatt kämmen und am Nacken das Haar mit einer einfachen Spange schlicht aufstecken und so die sittsamen Haare durch ungekünstelte Pflege zu echter Schönheit heranwachsen lassen.
Paedagogus beinhaltet soviele Lebensregeln und Weisheiten, dass ich sie hier nicht alle auflisten kann. Daher empfehle ich jedem Christ, der sich für einen Einblick in das christliche Leben der Antike interessiert, die Lektüre von Clemens’ Werk. Leider ist Paedagogus auf deutsch nicht in Druckform erhältlich. Eine .rtf Version gibt es allerdings aus der Bibliothek der Kirchenväter der Université de Fribourg.



