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Die katholische Kirche im dritten Jahrhundert, 190 – 260 AD

15. Januar 2012

Heute wiedermal ein längerer Post. Ich hoffe wird von Euch als nützlich befunden.

Die Christenheit hatte die Verfolgungen Decius’ und Valerians überlebt. Für die nächsten 40 Jahre sollte die Kirche nahezu ungebrochen in Frieden leben. Inzwischen gab es vier (fünf) Zentren des Christentums – Rom, Karthago, Alexandria, (Antiochia) und Ephesus. Während Rom (nach 240 AD) und Karthago lateinisch sprachen, waren Alexandria, Antiochia und Ephesus griechische Städte. Griechische christliche Schreiber, inklusive Origenes, waren im Westen praktisch unbekannt – gleiches gilt jedoch auch für lateinische Theologen im Osten.

Im Osten sprach Origenes für viele wenn er sagte [1]:

[Christen] erkannten, dass in [Jesus] die Vereinigung der göttlichen Natur mit der menschlichen ihren Anfang genommen, damit die menschliche durch enge Verbindung mit dem Göttlichen selbst göttlich werde, [...]

Die Unsterblichkeit der Seele war [2]

zur Freundschaft mit Gott und zur Gemeinschaft mit ihm

geschaffen. Es war eine positive Hoffnung, welche durch menschliche Entscheidung erreicht wurde. Gott gibt dem Menschen keine Erlösung, so Origenes, sondern er stellt sie vor den Menschen, damit jeder seine eigene Entscheidung treffen könne. Männer wie Clemens von Alexandria und Origenes hatten grundsätzlich eine positive Sicht der Menschheit und ihrer Beziehung zu Gott. Sie schuldeten der griechischen philosophischen Tradition sicher viel, welche lehrte, dass ein Individuum “sich selbst kennen” sollte und “nach seiner Natur” leben sollte, um ein gutes Leben zu führen. Eschatologie und Apokalypse spielten in diesem Denken kaum eine Rolle, und die ewige Feuer der Hölle gar keine. Auf der anderen Seite überwog im Westen eine materiellere Sicht des Schicksals des beseelten Menschens. Gottes Zorn wurde hier als Tatsache akzeptiert und mit ihm die Tugend, die Leiden und den Tod Jesu Christi durch den Märtyrertod nachzuahmen. Ob in Rom oder in Karthago, man bezog klar Stellung für das Wort der Heiligen Schrift. Die Einstellung gegenüber dem Römischen Reich wurde weiterhin von der makkabäischen Tradition des triumphalen Widerstands gegen götzendienerische Mächte beeinflusst. Kirche und Welt stellten die gegensätzliche Städte Jerusalem und Babylon dar, wobei eine jede durch ihre charakteristischen Gesetze und Ideale geleitet wurde.

DAS LATEINISCHE CHRISTENTUM

Rom

Römische Christen setzten sich aus einer Vielzahl ethnischer Gruppen zusammen – hauptsächlich aus dem östlichen Mittelmeerraum. Orte, welche mit den Aposteln in Verbindung gesetzt waren, fanden oft grosse Zuläufe von Pilgern. Was ich fantastische finde ist, dass der Glauben und die Gebete dieser Pilger die nächsten 1700 Jahre als Graffiti überlebt haben (siehe Abbildung oben).

Wie alle christlichen Gemeinschaften, wuchs auch jene in Rom zum grössten Teil aus dem Judentum. Jüdische Namen waren scheinbar auch weiterhin in Mode – wie etwa beim letzten Papst des 4. Jahrhunderts, Siricius (384-399). Die Mitglieder dieser Gemeinde fasteten weiterhin am Sabbat.

Die Kontroverse um Ostern

Für fünfzig Jahre vor der Zeit von Papst Viktor I. (189 – 199 AD) hatten die Kirche Roms und die Kirche Kleinasiens unterschiedliche Ansichten über das korrekte Datum der Osterfeier. Die Frage war, ob Ostern am 14. Nisan oder am Tag der Auferstehung (S0nntag) gefeiert werden sollte. Etwa im Jahr 154 AD konnten sich der heilige Polykarp von Smyrna und Papst Anicet schon nicht auf das Datum einigen – und dabei blieb es auch. Die kleinasiatischen Christen in Rom betrachteten das Opfern des Pascha-Lamms und die daraus folgende Erlösung Israels vom Pharao als das Muster und den Urtyp der Kreuzigung und Erlösung durch Christi Opfer. Und dem folgend feierten sie Ostern weiterhin am 14. Nisan. Papst Viktor, ein Afro-Römer und erster lateinisch sprechender Papst, vertrat die in Rom vorherrschende Interpretation. Er trat dafür ein, dass das Osterfasten von Freitag bis Sonntag nach dem 14. Nisan gehalten werden und in einer frohen Eucharistie enden soll und war darin scheinbar recht forsch. Irenäus von Lyon versuchte hier zu vermitteln. Während er das römische Osterdatum zwar akzeptierte, betrachtete er Viktors Vorgehen als herrisch und sagte ihm das auch.

Die Krise legte sich, aber die Debatte blieb. Im Osten erklärte Bischof Firmilian von Caesarea im Jahr 256 AD, dass das römische Osterdatum falsch sei und nicht der Tradition entspreche [3]. Im Westen hingegen gab es ein immer stärker werdendes Gefühl, dass Ostern nicht an das jüdische Pascha gebunden sein sollte. So hat Hippolyt etwa um 224 AD einen Kalender für die Ostertermine von 222 bis 233 AD ausgearbeitet. Er bestand darauf, dass der Sonntag, der Tag des Herrn, vorgab wann Ostern zu feiern sei.

Die Kontroverse um den Monarchianismus

Dieser Streit um den Monarchianismus fand zwischen 200 und 230 AD, und wieder zwischen Rom und den Städten Kleinasiens statt. Er ist deswegen so interessant, weil mit ihm die trinitären und christologischen Debatten der nächsten beiden Jahrhunderte begannen. Zu einem gewissen Masse war dieser Streit eine Reaktion auf den Dualismus der Gnostik und dem Marcionismus. Es gibt nur einen Gott im ganzen Universum. Mit dieser Erklärung hatte Irenäus nichts anderes gesagt, als die Christenheit geglaubt hat. Aber mit der Zeit stellte sich die Frage zunehmend: Wie sollte Christus als Gott angebetet werden? Wie war seine Beziehung zum Vater? Wie konnte die Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist, in deren Namen die Katechumene getauft wurden, mit dem Monotheismus in Einklang gebracht werden?

Eine der einflussreichsten Stimmen war jene des Sabellius “des Lybiers” (etwa 220 AD), der versuchte die monarchische mit der trinitären Theologie zu vereinen. Er behauptete die Trinität sei Realität, aber bestand aus Moden oder Erscheinungsformen des einen Gottes: Gott als Vater in der Schöpfung, als Sohn in der Erlösung, und als Heiliger Geist in der Prophezeiung und Heiligung. Es gab eine Substanz (hypostasis), aber drei Wirkkräfte (energeiai).

Diese Debatte wurde vor allem durch Hippolyt und Tertullian gelöst. Hippolyt (160 bis 236 AD) griff auf die Weisheiten zurück, um zu argumentieren, dass Gott niemals ohne seine Vernunft, Weisheit und Macht sein könnte, und dass sein Wort in der Inkarnation Christus wurde – einem Teil der Gottheit, aber verschieden vom Vater. Er war dadurch in der Lage die Trinität nach ihren Aufgaben zu teilen. Es gibt in der Tat nur einen Gott, sagt er seinen Lesern in Gegen Noetus, denn “der Vater befielt, der Sohn gehorcht, der Heilige Geist gibt Einsicht. Der Vater ist über allen, der Sohn ist durch alles und der Heilige Geist ist in allem” [4].  Tertullian (160 bis 240 AD) hingegen war ein Mann, für den die Inspiration des Heiligen Geistes alles war. Seine Christologie war wenig originell und nicht unbedingt überzeugend, wenn er Christi Beziehung zu Gott als “Strahl [der] aus der Sonne ausgesendet wird” bezeichnet [5].

Nordafrika (Karthago)

Das theologische Interesse der nordafrikanischen Christen lag in einem anderem Gebiet: in der Natur der Kirche und ihren Gliedern. Wer war gerettet und wer verdammt? Was war die Rolle der Märtyrertums? Was jene von Prädestination und Gnade? Die Nordafrikaner bekräftigten den absoluten Wert der Reinheit der Kirche und der Integrität ihrer Glieder – egal wie exklusiv sie auch sein mag.

Wie Rom hatte auch Karthago eine grosse jüdische Bevölkerung, und in beiden Städten war hebräisch immernoch in Gebrauch. Karthagos Juden waren eine aktive und missionierende Gemeinde, wie Tertullians Werk Adversus Iudaeos zeigt [6]. Es wird vermutet, dass der nordafrikanische Schwerpunkt auf Strafmassnahmen in Folge von Übertretungen von Gottes Gesetzen, sowie auf Almosen und Märtyrertum, auf den jüdischen Hintergrund zurückzuführen seien. Das nordafrikansiche Christentum sprach auch dem Gnadenschatz hohe Wichtigkeit zu [7].

Tertullian

Obwohl uns 38 seiner Werke erhalten geblieben sind, wissen wir doch ziemlich wenig von Tertullians Leben. Eines was jedoch klar ist, ist dass er die römisch-afrikanische heidnische Gesellschaft verabscheute. Sein persönlicher Krieg gegen sie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Briefe und Bücher. Die 15 Jahre zwischen seinem Apologeticum und seine Schrift an den Prokonsul Scapula (212 AD) liessen ihn nicht milder darin werden. In gleichem Masse war er gegen seiner Meinung nach unorthodoxe und lasche Christen eingestellt, die die Eingebungen des Heiligen Geistes nicht ernst genug nahmen. Bis 207 AD blieb er innerhalb der Grenzen der Kirche in Karthago. Für seine Argumente gegen die Valentinianer und Marcioniten berief er sich auf Irenäus, den einzigen zeitgenössischen christlichen Führer, welchem er sein Lob zukommen lies [8].

Dank Tertullian hat die Kirche Nordafrikas dem Zusammenhalt und der eigenen Integrität Sorge getragen. Konnte jemand, der wieder den Sünden verfallen ist durch Busse unter Seelenschmerzen wiederhergestellt werden? Wie wirkte der Geist innerhalb der Gemeinschaft? Waren Sakramente gültig, die von einem Priester ausgeteilt wurden, der nicht mehr in einem Stand zeremonieller Reinheit war (z.B. Christus unter Todesandrohung durch die Römer verleugnete)?

Tertullian verkündete Christus als den Jesus der Evangelien. Er liebte die Menschheit, zu deren Wohl er sich selbst demütigte und am Kreuz starb.

Gottes Sohn ist gekreuzigt worden — ich schäme mich dessen nicht, gerade weil es etwas Beschämendes ist. Gottes Sohn ist gestorben — das ist erst recht glaubwürdig, weil es eine Thorheit ist; er ist begraben und wieder auferstanden — das ist ganz sicher, weil es unmöglich ist [9].

Tertullian liebte das Paradoxe und den Kontrast. Die volle Menschlichkeit Christi die für die menschliche Sünde büsste, war die Hauptdoktrin der Kirche Nordafrikas.

Die grosse Uneinigkeit zwischen Karthago und Rom bestand in der Frage der Kirchendisziplin. Tertullians Erbe blieb das Argument, dass die Kirche die Braut Christi ist, welche “ohne Flecken, Falten oder andere Fehler” sei, und daher die Gegenwart der Unreinen, der Ehebrecher und anderer von Dämonen besessenen in ihrer Mitte nicht erlauben konnte – vor allem nicht, wenn diese auch noch im Klerus waren. Diese Überzeugung kam im afrikanischen Puritanismus auch in späteren Jahren wieder auf, als es um die Wiedertaufe und die Donatisten ging. Ein Bischof hatte zwar die Macht zu disziplinieren, aber nicht zu versuchen sich die Macht anzueignen, die Gott am jüngsten zusteht. Die drei Hauptsünden des Götzendienstes, des Ehebruchs und des Blutvergiessens waren “unverzeihlich”.

Cyprian

Zur Zeit Cyprians war im Westen nun den meisten Leuten klar, dass die Kirche die Macht hat Sünden zu vergeben. Die “Vergebung der Sünden” durch die Kirche wurde sogar zum Teil des Glaubensbekenntnisses in Karthago [10]. Cyprian stand dafür ein, dass die Kirche eine Institution sei, die von Bischöfen geführt wird, welche die Nachfolger der Apostel sind und denen absoluter Gehorsam schuldig ist. Diese Vorstellung Cyprians beruhte auf dem Verständnis der Einheit Gottes. Gott ist einer und folglich muss die Kirche eins sein, und jede Gemeinde muss einen Führer haben, den Bischof, der mit seinen Mit-Bischöfen den Frieden und die Einheit wahrt. Die Einheit der Kirche impliziert allerdings Integrität. Obwohl von den Laien also ab und an ein Rückfall toleriert werden musste – wie es auch beim alten Israel der Fall war – so musste doch der Klerus – die christlichen Leviten – frei von Sünde gegen Gott sein. Die Kirche ist im Bischof und der Bischof in der Kirche. Es gab eine alles-durchdringende Einheit in Theologie, Organisation und Sakramenten.

Cyrpian zweifelte niemals an Rom als der Quelle des Episkopats. Der Ursprung der Einheit der Kirche begann beim Apostel Petrus [11]:

Der Herr spricht zu Petrus die Worte: “Ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich bauen meine Kirche, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; und was du binden wirst auf Erden, wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du lösen wirst auf Erden, wird auch im Himmel gelöst sein”. Auf e i n e n baut er die Kirche, und obwohl er den Aposteln allen nach seiner Auferstehung gleiche Gewalt erteilt und sagt: “Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende auch ich euch. Empfanget den Heiligen Geist. Wenn ihr einem die Sünden erlasset, so werden sie ihm erlassen werden; wenn ihr sie einem behaltet, so werden sie ihm behalten werden”, so hat er dennoch, um die Einheit deutlich hervorzuheben, durch sein Machtwort es so gefügt, daß der Ursprung eben dieser Einheit von e i n e m sich herleitet. Gewiß waren auch die übrigen Apostel das, was Petrus gewesen ist, mit dem gleichen Anteil an Ehre und an Macht ausgestattet, aber der Anfang geht von der Einheit aus, damit die Kirche Christi als e i n e erwiesen werde.

[1]   Origenes, Contra Celsum III. 28

[2]   ebenda

[3]   Cyprian von Karthago, Briefe LXXV.6

[4]   Hippolyt von Rom, Contra Noetum XIV.5

[5]   Tertullian, Apologeticum XXI

[6]   Tertullian, Adversus Iudaeos I

[7]   Cyprianvon Karthago, Briefe XVI.3

[8]   Tertullian, Adversus Valentinianos V

[9]   Tertullian, De carne Christi V

[10] Cyprian von Karthago, Briefe LXIX.7

[11] Cyprian von Karthago, De catholicae ecclesiae unitate I.4

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