Das dritte Jahrhundert: Christlicher Platonismus Alexandrias
Im 3. Jahrhundert war der Ketzertaufstreit ein wichtiges Thema innerhalb der Kirche. Dabei ging es darum,wie man mit Christen verfahren sollte, die in einer von der katholischen Kirche getrennten Gemeinschaft getauft wurden und sich anschliessend der katholischen Kirche anschlossen. Sollte nochmals getauft werden oder nicht? Hat das Sakrament von einem Häretiker Gültigkeit oder nicht, und falls ‘ja’, ab wann hat es dies? Dionysius von Alexandria stand bei diesem Streit zwischen Papst Stephan I. und Cyprian von Karthago. Erster vertrat die Ansicht, dass es nicht auf die taufende Person, sondern auf die trinitarische Taufformel und die rechte Intention ankäme. Cyprian hingegen machte die Gültigkeit der Taufe von der Würdigkeit und Orthodoxie des Taufspenders abhängig.
Dionysius war jedoch weniger mit der Doktrin der Kirche und ihrer weltlichen Gliedschaft beschäftigt, als vielmehr mit der Harmonie und Schönheit des Universums, und innerhalb dessen mit der Weise wie der Mensch die Gemeinschaft mit dem Logos erreichen konnte.
CHRISTLICHE PLATONISTEN
In all diesen Entwicklungen spielten die christlichen Platonisten Alexandrias eine wichtige Rolle. Für etwa zwei Jahrhunderte oszillierte das Verhältnis zwischen Christentum und Platonismus irgendwo zwischen Anziehung und Abstossung. Schon der jüdische Philosoph Philon und seine Denkschule versuchten bereits in Alexandria eine Synthese zwischen Platonismus und Judentum zu schaffen. Die Gnostiker Basilides und Valentinus hatten im 2. Jahrhundert dasselbe mit der Kirche versucht. Doch sollte dies im Interesse der Orthodoxie erst mit Clemens und Origenes gelingen. Um in Alexandria und grossen Teilen der griechischen Welt Erfolg mit der Verkündigung der frohen Botschaft zu haben, musste diese in platonischen Ausdrücken artikuliert werden.
Die erfolgreiche Annahme dieser platonischen Herausforderung durch Clemens und Origenes wurde im 4. Jahrhundert durch die kappadokischen Väter fortgeführt. Der Platonismus half auch dabei, die Theorie der Kirche-Staat-Beziehungen zu formulieren, auf welchen die Stabilität des Byzantinischen Reiches beruhte. Aber er hatte auch dunkle Seiten. Er schuf einen weiten Graben zwischen dem Glauben der gelehrten und weniger gelehrten Christen des Ostens, zwischen den Theologien der griechischen und der lateinischen Welt, und zwischen der dominaten Theologie Alexandrias und jener des biblisch-gesinnten Antiochiens.
Clemens von Alexandria
Clemens (140-215 AD) war kein systematischer Denker. Seine Schriften und vor allem die Teppiche stellen eine wilde Zusammenstellung von Gedanken dar. Er war allerdings unglaublich belesen, wahrscheinlich noch viel mehr als es Tertullian war. Das war jedoch nicht der Grund, weshalb Clemens mehr als ein Sammler klassischer Texte für den Gebrauch christlicher Apologetik werden sollte. Dieser bestand vielmehr aus zwei Fakten:
- der Erkenntnis, dass seine Mission werden sollte christliche Wahrheiten auszudrücken, die gelehrte Menschen auf der Suche nach Sinn akzeptieren würden
- seinem positiven Ausblick; er glaubte, dass Menschen vernünftig sind.
Keinem menschlichen Geschlecht war die Möglichkeit genommen Gott durch nachdenken zu begreifen. Folglich musste die Philosophie gottgegeben sein. Wenn man also auf Clemens und die folgenden Jahrhunderte blickt, kann man schon fast sagen, dass Plato den Weg geebnet hat, dass die Griechen den christlichen Glauben annahmen.
Obwohl Clemens sich wie die Gnostiker an Plato orientierte, trennte sie doch fundamentale Doktrinen. Clemens war strikter Monotheist und sehr kirchenorientiert. Gott war für ihn auch absolut transzendent [1]:
Eins aber ist Gott und über das eins hinaus und erhaben über die Einheit (die Monas) selbst.
Gott umspanne alle Realität und sei dennoch unendlich grösser, als seine Werke. Er könne jedoch durch seinen Sohn, den Logos, gekannt werden. Dieser reflektiere Gott, während der Geist das von ihm ausgesandte Licht sei. Licht welches die Propheten und Philosophen erleuchte, auf dass sie die Welt durchdringen und Menschen zu Gott bringen.
Die Welt sei von Gott geschaffen und daher gut. Mann und Frau waren im Abbild Gottes geschaffen und trügen daher die Mittel in sich, auf Gott zuzugehen. Es sei also Sache des Individuums, seinen freien Willen richtig zu nutzen [2]:
Wer also zuerst seine Leidenschaften gemäßigt und dann Freiheit von Leidenschaften erstrebt hat und zu dem Gutestun gnostischer Vollkommenheit fortgeschritten ist, der ist bereits hier auf Erden “engelgleich”.
Auch der Körper gehöre zu göttlich geschaffenen Ordnung und sei daher gut. Clemens betonte die Ehe und den moderaten Nutzen von Dingen, die das Leben schöner machen – wie z.B. Wein.
Man darf also das Vermögen, das auch unseren Nächsten nützen kann, nicht wegwerfen; denn es ist ein Besitz, weil es besitzenswert ist, und heißt Vermögen, weil es etwas vermag und nützt und zum Nutzen der Menschen von Gott geschaffen ist. [...] Daher soll man nicht sowohl den Besitz zerstören als vielmehr die Leidenschaften der Seele, die den besseren Gebrauch des Vermögens nicht gestatten, damit der Mensch gut und wacker und dazu fähig werde, den Besitz gut anzuwenden. [3]
Diese Aussage steht in krassem Gegensatz zur Ansicht Tertullians. Im damaligen Nordafrika war Vermögen an sich schlecht und ein grosses Hindernis für das christliche Wachstum. Für Clemens hingegen ging es beim Vermögen um die rechte Verwaltung und die Kirche war eine Schule für die Unvollkommenen, wo die Seele für den späteren Aufstieg zu Gott vorbereitet wurde [4].
Origenes
Origenes (185-254 AD) beeinflusste die Richtung des östlichen Christentums. Für ihn war der Sohn “ein zweiter Gott”, Mittler zwischen Gott und den göttlichen Mächten, Bildern und Aspekten Gottes. Er war deshalb weniger als Gott selbst, aber stand über allen Geschöpfen, da allein er Gott und seinen Willen kannte [5].
Origenes glaubte an die Bibel, aber seiner Ansicht nach musste man die Bibel so verstehen, dass sie einen zu Gott hinführt – geistlich. Er fragte wer so dumm sei zu glauben, dass Gott, gleich einem Bauern, ein Paradies östlich von Eden angelegt und darin einen sichtbaren und greifbaren Baum des Lebens gepflanzt hätte, so dass jeder der davon mit seinen leibhaftigen Zähnen gegessen hat ewiges Leben gewinnen würde [6].
Indem er die plantonische Analogie verwendete, dass das Individuum aus Körper, Seele und Geist bestehe, behauptete er auch, dass die Schrift in diesen drei Weisen verstanden werden musste: wörtlich, moralisch und geistlich. Der Christ muss danach streben, durch intensives Denken und Betrachten, zur Essenz der Bedeutung jeder Passage durchzudringen, und so die Geheimnisse zu verstehen, die in jedem Wort Gottes implizit sind. Origenes meinte, dass jedes Wort der Schrift eine Bedeutung hätte, ansonsten wäre es nicht da. Gleichwohl konnte etwas, das nicht in der Heiligen Schrift war, auch nicht Gottes Wort sein.
Seine Auffassung der Eucharistie war folgende: Christus sei in diesem feierlichen Moment geistlich anwesend, so wie er nur in geistlichen und göttlichen Worten verstanden werden könne. Das Gros seiner theologischen Ideen wurde schon in De principiis ausgelegt. Origenes zeigte seinen Zeitgenossen, dass die unbeantworteten Rätsel der Philosophie nur durch das Christentum gelöst werden konnten, und dass – nachdem man bei dieser Wahrheit angekommen ist – Verhalten wichtiger sei als Gebote.
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[1] Clemens von Alexandria, Paedagogus I.8.71
[2] Clemens von Alexandria, Teppiche VI. XIII.105
[3] Clemens von Alexandria, Quis dives salvetur? 14
[4] Clemens von Alexandria, Paedagogus III.98.1
[5] Origenes, Contra Celsum V.39
[6] Origenes, De principiis IV.3.1



